Regionalverband im Cartellverband (CV)

Geschichte des Aulendorfer Dreikönigskommers

Historischer Abriss

Der oberschwäbische CV und sein Dreikönigskommers in Aulendorf

Abschnitt 1

Ablauf des Dreikönigskommerses

Vor dem Kommers — immer am 6. Januar eines jeden Jahres — findet im Aulendorfer Hofgarten traditionell ein Convent statt (um 14.00 Uhr s.t.), bei dem die Cartellbrüder die formalen Themen des Gauverbands für das kommende Jahr besprechen und beschließen. Dazu gehört das Jahresprogramm mit fünf festen Veranstaltungen: Dreikönigskommers, Wallfahrt auf den Heiligen Berg Oberschwabens (Bussen), eine Herbstreise sowie Kulturveranstaltung und Tagesausflug im Frühjahr und Sommer.

Um 15.30 Uhr s.t. beginnt der Kommers, geschlagen wechselnd von einer der chargierenden Verbindungen aus Stuttgart (Alania, Hohentwiel), Hohenheim (Carolingia), Tübingen (Guestfalia, Cheruskia), Ulm (Suebo-Danubia), Weingarten (Welfia) und Konstanz (Bodensee). Gegen 18.00 Uhr endet der Kommers, die Anwesenden bleiben anschließend bei einem Imbiss beieinander.

Ein fester Bestandteil des Abends ist die Spendenaktion zugunsten von wechselnden Hilfsprojekten — von einem Ultraschallgerät für ein ungarisches Krankenhaus (1993/94) bis zu 3.000 Euro für CV-Afrikahilfe und Bonifatiuswerk (2019).

Eine Besonderheit des Dreikönigskommerses ist, dass er nicht an einem Universitätsstandort, sondern mitten im ländlichen Raum im Kern Oberschwabens stattfindet. Durch die Nähe zur Region Bodensee und damit zur Schweiz und Vorarlberg kommen regelmäßig auch Gäste aus dem SchwStV und dem ÖCV nach Aulendorf. Veranstalter ist der CV-Gauverband Bodensee-Oberschwaben mit seinen Ortszirkeln.

Abschnitt 2

Die Geschichte des oberschwäbischen CV

Dokumente über einen ersten Dreikönigskommers gibt es nicht. Jedoch ist im Protokoll des Zusammentreffens der oberschwäbischen CVer 1935 vom „50. Dreikönigskommers“ die Rede. Somit gilt der Kommers von 1885 als Beginn dieser Tradition.

Auf dem Kommers 1935 wurde heftig diskutiert: das Katholizitätsprinzip wurde aufgegeben. Bereits im Februar 1934 hatte der „Reichsführer des nationalsozialistischen deutschen Studentenbundes“, Dr. Stäbel, verkündet, dass CV, KV und UV das Katholizitätsprinzip aufgegeben hätten. Weitere Namen wurden im Bericht von 1935 nicht aufgeschrieben, da bereits damals eine Inhaftierung drohte.

Wenn 1885/86 sich die Alten Herren mit aktiven Studenten trafen, hatte dies einen ernsthaften Hintergrund: Es war die Zeit des Kulturkampfes. Es galt, den benachteiligten katholischen Studenten den Rücken zu stärken. Der Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) war gerade 30 Jahre alt. Als Treffpunkt bot sich der Eisenbahnknotenpunkt Aulendorf an: Hier trafen sich die Studenten aus ganz Oberschwaben, um zu den Universitäten in Tübingen und Stuttgart weiterzufahren. Damit ist auch erklärt, warum das Treffen nachmittags stattfindet.

Über Zusammenkünfte während und nach dem Ersten Weltkrieg ist wenig bekannt. Das Verbot des CV 1935 wurde von einigen Verbindungen ignoriert. Die CVer trafen sich — inkognito — weiterhin und hielten brieflich engen Kontakt zu den Bundesbrüdern an der Front. Zum Wiederbeginn nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es Dokumente: in der 100-Jahres-Festschrift findet sich die Erlaubnis der französischen Kommandantur in Ravensburg vom 6. Januar 1949 für ein Treffen im Hotel Löwen in Aulendorf.

Schon unter französischer Besatzung begann 1945 Cbr Dr. Ferdinand Dölzer (Gu), die zwischen Bodensee, Allgäu und Donau verstreuten Cartellbrüder aufzusuchen und neu zusammenzufassen. Die Verluste waren groß: Viele Bundesbrüder hatten das Inferno nicht überlebt. Keiner von ihnen hatte eine Parteikarriere bei den Nationalsozialisten gemacht — viele waren für ihre Überzeugung ins KZ gegangen, manche mussten ihr Leben dafür geben. Erinnert wird an den Württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz (Gu), der am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde, und an Pater Rupert Mayer SJ (Tt), der die Folter im KZ nur wenige Monate überlebte.

Die „Verbindungsdiaspora“ im Bereich südlich der Donau findet ihr Ende, als 1963 in Weingarten die KDStV Welfia, 1973 in Ulm die AV Suebo-Danubia und 1974 in Konstanz die KDStV Bodensee gegründet werden.

Abschnitt 3

Die Vorsitzenden des Gauverbands

Cbr Dr. Ferdinand Dölzer (Gu) war bis 1956 Vorsitzender des oberschwäbischen CV. Von 1956 bis 1961 leitete Prof. Adolf Pirrung (Vc) aus Biberach den Gauverband, gefolgt bis 1973 von Dr. Gustav Kohler, Ravensburg. Sein Amt übernahm bis 1977 Dr. Felix Omonsky, Biberach, danach Prof. Karl Pellens (Fl) aus Ravensburg für zehn Jahre. Sein Stellvertreter Dr. Wolf Brzoska (CM) aus Ehingen übernahm das Amt, bis er 1999 beruflich für sechs Jahre nach Rumänien und Ungarn zog. In dieser Zeit führte Anton Kirsch (ChT) aus Sigmaringen den oberschwäbischen CV — erstmals ein Preuße an der Spitze. Ab 2005 war Dr. Brzoska wieder Vorsitzender, ab 2011 Dr. Karl Sandmaier (ChT) aus Bad Buchau, bis 2015 Dirk Gaerte (Ho) aus Sigmaringen gewählt wurde.

Abschnitt 4

Festredner

Die Liste der Festredner beginnt 1974 mit Prof. Karl Pellens (Fl). 1975 hält der Ratsvorsitzende des CV, Cbr Dr. Hans Stercken (Nv), den Festvortrag „Die akademische Gemeinschaft in Staat und Gesellschaft“. 1976, zum 90-jährigen Bestehen, spricht der damalige CV-Vorsitzende Cbr Prof. Alfons Fleischmann (Gründer der CV-Akademie und der Katholischen Universität Eichstätt) über „Den katholischen Akademiker in den Auseinandersetzungen unserer Zeit“, 1977 der Bonner Abgeordnete Cbr Dr. Isidor Früh. 1979 spricht Weihbischof Cbr Dr. Franz Josef Kuhnle. 1984 kommt Cbr Prof. Dr. Alois Thaler (R-D) aus Brixen, 1985 Hofrat Cbr Dr. Ernst Bernhard Schebesta aus Wien.

Der 100. Dreikönigskommers 1986 ist außergewöhnlich: Er findet wegen der größeren Säle in Bad Schussenried statt und versammelt rund 600 Cartellbrüder — bei sonst üblichen 200 bis 250. Die Festrede hält S.K.H. Cbr Dr. Otto von Habsburg (Alf), Träger des Karlspreises der Stadt Aachen; er ruft die CVer auf, „nicht zu den opportunistischen Jein-Sagern zu gehören“. 1987 kommt erstmals ein Schweizer als Festredner: Fbr. Alex Stöckli, der Zentralpräsident des SchwStV. 1988 spricht Kultusminister Gerhard Mayer-Vorfelder. 1990, kurz nach dem Mauerfall, der Prager Student Karl Jirat. 1993, bei den ersten Gästen aus Ungarn, der damalige Staatssekretär in Sachsen-Anhalt, Cbr Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Mayer (ChT), zu „Schwierigkeiten und Chancen in den östlichen Bundesländern“. 1994 kritisiert der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Ulm, Cbr Dr. Erich Dittus (Hr), das soziale Netz als „so engmaschig wie ein Fliegengitter“. 1997 erheitert Cbr Prof. Raimund Lang aus Hamburg, der Studentenhistoriker schlechthin, mit einer feinsinnigen Rede über die Rolle der Frau im Studentenlied.

2001 hält Altvorortspräsident Cbr Thomas U. Demel (Mm) die Festrede „Bis hierher und weiter — Quo vadis, Europa?“. Kommunalpolitische Redner aus den eigenen Reihen folgen 2002 und 2003 mit den Landräten Dirk Gaerte (Ho) aus Sigmaringen und Guntram Blaser (Ravensburg); Bernhard Bueb, Leiter des Gymnasiums Schloss Salem, spricht über „Lob der Disziplin“. 2005 klärt Cbr Dr. Wolfgang Thüne (B-S), langjähriger Wetterfrosch beim ZDF, in „Freispruch für CO-2“ über wissenschaftlich bedenkliche Thesen auf. 2006 wirft der Freiburger Theologieprofessor Cbr Dr. Bernhard Uhde (Wld) „unbequeme Thesen“ zum Islam in die Runde.

2008 bis 2010 stehen Vertreter des Landes am Rednerpult: Cbr Werner Schempp (Gu) aus dem Staatsministerium, Minister a.D. Cbr Hermann Schaufler und — als Novum — die erste Festrednerin Sozialministerin Monika Stolz. 2011, beim 125. Kommers, lobt CV-Ratsvorsitzender Cbr Manfred Speck (H-RG) die Pflege der Aulendorfer Tradition und fordert den CV auf, in der Bildungspolitik ein Wort mitzusprechen: „Traditionsbewusstsein ist kein Hindernis für zukunftsorientiertes Denken.“ 2015 besucht erneut eine Abordnung aus der Schweiz den Kommers; die Festrede „Die Schweiz und die EU“ hält der Zentralpräsident des SchwStV, Fbr. Matthias Frei. 2016 ist Cbr Prof. Dr. Ferdinand Kirchhof (Hr), Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, Festredner zum Thema „Demographie und ihre Auswirkungen“; erstmals wird das „Geistliche Wort“ als fester Bestandteil eingeführt.

2017 wird der Kommers in Ravensburg geschlagen, da der dortige Zirkel sein 125-jähriges Bestehen feiert. Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan hält die Festrede. 2018 spricht der Publizist Cbr Martin Lohmann. Beim 133. Dreikönigskommers 2019 spricht der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Prof. Dr. Werner Münch, zum „neuen Europa und die Werte des christlichen Abendlandes“; das Geistliche Wort hält der CV-Seelsorger Abt em. Winfried Schwab OSB.

Beim 135. Dreikönigskommers 2023 spricht Farbenbruder Günther Oettinger, Mitglied der Landsmannschaft Ulmia zu Tübingen, über europäische und gesellschaftspolitische Perspektiven; er war Ministerpräsident von Baden-Württemberg und EU-Kommissar. 2024 steht Bildung im Vordergrund: Der Bestsellerautor und Bildungsexperte Josef Kraus hält die Festrede. 2025 tritt der bayerische Innenminister Cbr Joachim Herrmann (FcC) ans Rednerpult und wird mit tosendem Beifall bedacht. Beim 138. Kommers 2026 mahnt Bruder Paulus Terwitte OFMCap zur Zukunft katholischer Organisationen in einer Kirche, deren Mitgliederzahlen rückläufig sind.

Abschnitt 5

Erwähnenswerte Ereignisse

In Brzoskas Amtszeit fielen einige bedeutende Ereignisse, darunter die Gründung einer CV-orientierten Schülerverbindung in Ehingen (KSV Aho-Suevia, aus der mehr als drei Dutzend CVer hervorgegangen sind) und die Initiative zur CV-Wallfahrt auf den Bussen, die seither jedes Jahr im Herbst stattfindet.

Auch das 90. Jubiläum 1976 fiel groß aus: gut 400 Cartellbrüder, junge und alte, aus dem Raum zwischen Donau und Bodensee, aus Württemberg und Sigmaringen, kamen zum Jubiläums-Kommers nach Aulendorf.

Mehrere Reisen führten die CVer nach Prag und Budapest. Eine außergewöhnliche Begebenheit: Anfang November 1989 nahm die Gruppe am „Republik-Gründungsgottesdienst“ in der Matthias-Kirche auf der Burg in Budapest teil, wo mit allen ungarischen Bischöfen die Befreiung vom Kommunismus gefeiert wurde — erstmals nach Jahrzehnten läuteten wieder alle Kirchenglocken im ganzen Land.

Caritativ engagierte sich der Gauverband 1993 und 1994 in Ungarn: Für das überfüllte Krankenhaus in Mohács in Südungarn, in dem auch Flüchtlinge aus Bosnien und Kroatien behandelt wurden, sammelten die CVer rund 33.000 Mark für die Anschaffung eines Ultraschallgerätes.

Diese Angaben beruhen auf den Festschriften zum 100. und 110. Kommers, auf Notizen der Cartellbrüder Anton Kirsch, Karl Zimmermann und Wolf Brzoska sowie auf den Berichten der CV-Verbandszeitschrift ACADEMIA, aus denen die Zusammenfassung laufend aktualisiert wird. Die historischen Berichte sind selbst lückenhaft — entsprechend sind es auch die Aufzählungen.

Der Gauverband hieß 1956 noch „Gauverband Bodensee“; seit den 1970er-Jahren trägt er den Namen „Bodensee-Oberschwaben“ (in Berichten der 2000er-Jahre teils „Oberschwaben-Bodensee“).

Die KDStV Der Hohentwiel zu Stuttgart, 1924 als Tochterverbindung der Alania gegründet und jahrzehntelang chargierend, fusionierte 1997 mit der Alania, nachdem sie stark unter Nachwuchsmangel gelitten hatte.

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